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Wie Winston Alyan ertränkte

Dienstag, 8. September 2015 / 12:10 Uhr
aktualisiert: 15:43 Uhr

Das Bild des ertrunkenen, dreijährigen Alyan Kurdi am Strand von Bodrum ging und geht um die Welt. Wer an seinem Tod Schuld ist, wird immer noch kontrovers diskutiert: EU? UNO? IS? Die Schlepper? Der Vorschlag des Autors: Winston Churchill und Dwight D. Eisenhower.

Churchill (links) und Eisenhower (mitte) 1951: Noch 2 Jahre bis zur Ursünde der Nahostpolitik.

Alyan und viele andere Kinder, die im Mittelmeer auf der Flucht vor den Irren des IS ertrunken sind, wurden bereits ermordet, bevor ihre Eltern auf die Welt gekommen waren. Nämlich in der fernen Vergangenheit des Jahres 1953.

Zwei Jahre zuvor wurden die iranischen Ölfelder unter dem demokratisch gewählten Präsidenten Mohammad Mossadegh verstaatlicht, da diese unter der Kontrolle der BP-Vorgänger-Firma AIOC gestanden hatten, welche auf Grund von erpresserisch schon am Anfang des 20. Jahrhunderts gemachten Verträgen nur einen kleinen Teil der Ölgewinne an den Iran ablieferte und sich sogar weigerte, seine Bücher prüfen zu lassen, um zu prüfen, ob die vereinbarten Zahlungen korrekt geleistet wurden.

Zuerst versuchte Churchills Grossbritannien seine Interessen im Alleingang mit Boykotten durchzusetzen, doch die USA zogen noch nicht mit. Doch als nach dem 1951 gewählten Churchill in London 1953 mit Eisenhower auch in Washington wieder konservative Kräfte an die Macht kamen, wurde der Entschluss gefasst, Mossadegh mit allen Mitteln aus dem Amt zu putschen. Iranische Parlamentarier wurden geschmiert, das organisierte Verbrechen mobilisiert, eine erdrückende Boykott-Politik durchgesetzt und der Sturz mit allen Mitteln, welche CIA und MI6 zur Verfügung hatten, voran getrieben. Mit «Erfolg».

Der Sturz von Mossadegh im August 1953 und die Installation von Schah Reza Pahlevi auf dem Tempel der Ölprofite war die Initialzündung der Nicht-Demokratisierung des Nahen und Mittleren Ostens.

Ebenfalls 1953 begann die perverse Liebesbeziehung des CIA mit Saeed Ramadan, dem «Aussenminister» der ägyptischen Muslim Bruderschaft. Jene Islamisten, denen die US-Unterstützung es ermöglichte, in den 1950er und -60er Jahren einen Exil-Stütz- und Anlaufpunkt in einer Münchner Moschee zu etablieren, wurden in der Hoffnung, eine Hilfe im Kampf gegen den Kommunismus zu sein hofiert. Doch statt einen Feind zu bremsen wurde ein anderer herangezogen.

Man mag nun argumentieren, dass dies alles vor dem Hintergrund des kalten Krieges passiert sei und so weiter, doch am Ende ging es nur um Geld und Einfluss der Petroindustrie. Von jenen Ereignissen führt eine Linie direkt ins Jahr 1979, als mit der «islamischen Revolution» der 26 Jahre zuvor installierte Schah weggeputscht wurde und der politische Islam auf der Weltbühne als erfolgreiches System, dass sich gegen die Interessen der Weltmächte zu etablieren vermochte, erschien.

Von da an erhöhte sich die Taktzahl der Ereignisse und auch wenn es sich um Schiiten handelte, darf die Inspiration, die von Khomeinis Coup auch für die sunnitischen Islamisten ausging, nicht unterschätzt werden. Dass beinahe parallel zu diesen Ereignissen der russische Einmarsch in Afghanistan stattfand (laut einiger Historiker provoziert durch US-Amerikanische Geheim-Aktionen) und damit auch die logistischen Grundlagen für den kommenden sunnitischen Islamismus gelegt wurden (Aufrüstung der Mudschaheddin und Taliban durch die USA) ist mehr als nur Ironie der Geschichte. Umso mehr, als die ideologische Grundlage von Al Qaida nicht zuletzt von den Muslim Brüdern übernommen wurde.

Das Management des postkolonialen Nahen und Mittleren Ostens folgte immer dem Trümmer-Plan der vernichteten iranischen Demokratie, dem Kalkül, dass dem Kampf gegen den Kommunismus (oder Kapitalismus) alles andere unterzuordnen wäre. Wobei sich auf westlicher Seite immer die Interessen des militärisch-industriellen Komplexes in das politische Kalkül einzubringen vermochten und eine perfekte Melange mit der postkolonialen Hybris einiger Akteure eingingen.

Dieser Ansatz war pervers genug, aber er hatte wenigstens noch den Anschein eines halbwegs systematischen Vorgehens. Mit dem Untergang der Sowjetunion fiel auch diese Art der Homogenität der perversen Aussenpolitik weg. Stattdessen wurden in regelmässigem Abstand neue Todfeinde ernannt und isolierte Aktionen gestartet, wobei aus den engsten Verbündeten in kürzester Zeit die ärgsten Feinde werden konnten, wobei das bekannteste Beispiel dafür wohl Saddam Hussein oder eben die Taliban sind. Die Funken, die aus politischem Anlass in das Pulverfass des Nahen Ostens geworfen wurden, entzündeten denn auch immer häufiger Explosionen, die weit über das beabsichtigte Gebiet hinaus Schaden verursachten - nicht zuletzt auch, weil der Islamismus sich immer stärker als eine machtpolitische Strömung gegen die hegemonialen Interessen der USA und auch der nun aber vergangen Sowjetunion etabliert hatte.

Die weiteren Schritte in das Desaster, welches Alyan in sein nasses Grab stiessen, waren der Irakisch-Iranische Krieg, der absolute Boykott gegen den Irak von 1990 bis 2003 (der Boykott habe einer halben Million Kinder unter 5 Jahren das Leben gekostet) nach dem ersten Irak-Krieg, der zweite Irak-Krieg und der nicht existente Plan für die Zeit nach dem Sieg und die Laissez-Faire-Pfuscherei beim syrischen Bürgerkrieg, welche ein Macht-Vakuum kreierte, das vom ISIL/ISIS, die sich schon vor Jahren im sunnitischen Teil des Irak etabliert hatten, bei der ersten Gelegenheit gefüllt wurde. Alles Eingriffe in der Tradition des Mossadegh-Putsches.

Sicher, es ist gewagt zu sagen, dass das ganze gegenwärtige Flüchtlings-Elend damals, im Sommer 1953 gesät wurde. Aber es lässt sich nicht bestreiten, dass damals von Churchill und Eisenhower mit Bestimmtheit demonstriert wurde, was eine selbstbestimmte Demokratie mit Öl im Boden im mittleren Osten zu erwarten hätte. Und das darauf installierte, repressive Schah-Regime mit seiner Foltertruppe namens SAVAK trug massgeblich zum Hass und Misstrauen gegen den Westen in der ganzen Region bei.

Niemand weiss, was seither passiert wäre, hätte der Westen Mossadegh unterstützt, hätten Churchill und Eisenhower das Anrecht einer Nation auf faire Erträge aus seinen Bodenschätzen anerkannt, die Demokratie in einer der ältesten Kulturnationen der Welt unterstützt und ihr einen Brückenkopf im mittleren Osten gegeben. Doch die Weichen wurden anders gestellt. Und so ist es denn Churchill, der Held der europäischen Freiheit, die Ikone von Grossbritannien, der Mann, der Hitler die Stirne geboten hat, der den kleinen Alyan damals, noch bevor dessen Eltern geboren waren, ersäuft hat.

(Patrik Etschmayer/news.ch)


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