DSCHUNGELBUCH
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An den Pfahl des ritualisierten Augenblicks gebunden

Mittwoch, 7. März 2012 / 09:40 Uhr
aktualisiert: 10:08 Uhr

Jedes Jahr das gleiche Ritual. Am 8. März ist internationaler Frauentag. Kurz vor und kurz nach diesem Datum werden gleicher Lohn, Diskriminierung, erreichte Gleichstellung, wünschbare Chancengleichheit etc. medial inszeniert und diskutiert. Spätestens am 12. März ist das Fest vorbei, die politischen Debatten um Gleichstellung vergessen und die Experten, die zu irgendwelchen relevanten Themen befragt werden, wieder ausschliesslich männlich.

Plakat zum Frauentag 1914 (Ausschnitt): Seit Jahrzehnten die selben Forderungen.

Schliesslich dürfen Männer zu allem, doch Frauen vor allem über Frauen reden. Dies ist besonders in Politik, Finanzen und Wirtschaft ärgerlich, da hier meist Menschen, unabhängig ihres Geschlechts, aber vorwiegend männlich, zu Wort kommen, die eigentlich schweigen sollten.

Die Inszenierung einer Gleichstellungsdebatte, die seit Jahrzehnten dieselben Forderungen und Analysen produziert, damit aber wenigstens einmal im Jahr entscheidende Themen auf der politischen Agenda formuliert, schadet mehr und mehr der Subjektwerdung der Frauen.

Gleichstellung ist kein biologische Tatsache, sondern ein politisches Problem. Doch dies scheinen nur noch Wenige zu merken. Insbesondere Frauen à la Angela Merkel schaden allen Frauen. Angela Merkel kam nur dank einer linken und politischen Frauenbewegung überhaupt zu ihrem Amt. Sie schert sich aber einen Deut um alles, was im entferntesten nach Freiheit, Emanzipation, Gerechtigkeit klingt. Sie tut das Gegenteil: Sie vernichtet jede feministische Errungenschaft, die eben immer allen Menschen zugute käme, unabhängig welchen Geschlechts, tatkräftig und zielsicher.

Angela Merkel ist deshalb für alle Frauen, die sich nicht mit ihrem Stil einer SED-Machtpolitik arrangieren können, nicht nur ein Ärgernis, sondern die inkarnierte Antithese. Denn Angela Merkel steht nicht für die Frauen, sondern für ein Machtgefüge, das alle Menschen in den Dienst des Systems statt das System in den Dienst der Menschen stellt. Erstaunlich daran ist, dass diese deutsche Politikerin, die ihre Sozialisation je länger je mehr in der Amtsführung manifestiert, zu den beliebtesten im Land gehört. «Mutti Merkel» wird ausgerechnet die Frau genannt, die soviel mütterliche Qualitäten aufweist wie Catherine Ames in Steinbecks East of Eden?

Dass wir immer mehr Frauen in allen Macht- und Spitzenpositionen sehen, hängt weniger mit einigen feministischen Errungenschaften zusammen, sondern liegt in der Logik der Eroberung der Welt als postindustrielles, steriles, neutrales und unmenschliches Wirtschaftssystem. In einem solchen passen Frauen als anpassungsfähige, wenig auf Freiheit und selber denkende sozialisierte Rosamädchen je länger je besser rein. Deshalb ist es auch nicht zufällig, dass die Männer, vor allem die jungen Männer, schon von Kindsalter mit Ritalin so feminisiert werden, dass sie, ähnlich wie die Frauen, auch körperlich vergessen, wie es sich anfühlt, noch lebendiger Mensch zu sein. Denn die Welt der Dinge und die Welt der Menschen hat sich so vermischt, dass das Wohlergehen der Dinge (Börse) mittlerweile entscheidender ist als das menschliche Allgemeinwohl.

Also. Klar sollten Frauen laut und deutlich am 8. März über bestehende formelle und informelle Diskriminierungen klagen, sowie Veränderungen vorschlagen. Doch noch besser wäre, wenn der 8. März 2012 bis zum 8. März 2013 genutzt würden, um zu zeigen, dass nicht die Biologie, sondern die monetaristische Fixierung eine Verdinglichung des Menschen bringt, welche längerfristig nicht nur Frauen als Subjekte vernichtet, sondern alle Menschen unabhängig von Geschlecht, Alter und Hautfarbe unterdrückt.

Doch da dies wohl nicht passieren wird, halten wir uns in der Zwischenzeit an Dada, Lady Gaga, Politsatiren, Street Art, Postpostpost-Culture, Fake News, Theater, Occupy, Anonymous u.a., da genau in den Orten, Menschen, Positionen, Szenen meist all die Wahrheiten zu finden sind, die wir in der Politik, in den Finanzen und im Wirtschaftsgeschehen so schmerzlich vermissen. (Regula Stämpfli/news.ch)


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