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Assange in der Matrix 2.0

Mittwoch, 8. Dezember 2010 / 08:48 Uhr
aktualisiert: 11. Dezember 2010 / 00:11 Uhr

Wikileaks werden seit der Veröffentlichung geheimer Dokumente ÖFFENTLICHER STELLEN weltweit sämtliche Websites und Bankkonten gesperrt. Gestern stellte sich Julian Assange der britischen Polizei. Welcome to our future! Da etabliert sich eine Rechen-, Banken-, Pharma- sowie Erdöloligarchie weltweit, die jeden Versuch von Transparenz, Öffentlichkeit und demokratischer Debatte im Kern erstickt.

Der 'Neo' der Informationsgesellschaft? Julian Assange.

Die einzige noch vorstellbare Opposition muss – ohne zentralen Server, ohne funktionierende Bankkonti, allein durch die Unterstützung Vieler – im Netz operieren.

Manifestiert sich die Opposition unspektakulär demokratisch auf den europäischen Strassen wie jüngst in Griechenland, in Frankreich, in Deutschland und in Grossbritannien, hat sie absolut keinen Mobilisationswert. Sie verfügt über keine Öffentlichkeit, keine der europäischen Zeitungen verlautet auch nur einen Pieps über Millionen Unzufriedene, nur die Webcommunity nimmt sich der Menschen und nicht der Herrscher an. Nochmals: Welcome to our future!

Kürzlich hatte ich einen Traum, der fatal an den Film «Matrix» erinnerte. Die ganze Welt wird von Computern gelenkt. Zur Sicherung der Datenträger sowie zur eigenen Finanzierung funktionieren die Rechner mit biolelektrischer Energie, altmodisch auch Menschen genannt. Am 13. September 2008 passiert das Unberechenbare. Die ausgeklügelten mathematischen Sicherungsmodelle des reibungslosen Herrschaftsablaufs der Rechner erweisen sich als falsch. Doch die Umprogrammierung der Rechner dauert nur ein paar Tage. Die den Computern zur Seite stehende Hohepriesterklasse, altmodisch US-Regierung, EU-Kommission, deutsche Bundeskanzlerin, französischer Staatspräsident und chinesischer Ministerpräsident genannt, mobilisiert in kürzester Zeit die lebenden Menschenbatterien, damit sie noch mehr finanzielle und reale Biolelektrizität für die virtuellen Geldherrscher-Rechner liefern.

Die Menschenbatterien stellen sich selber und ihre Zukunft mit Leben, Arbeit und Ersparnis in den Dienst der Rechner. Die Programme werden modifiziert, die lebenden Menschenbatterien so eingesetzt, dass kein Energieausfall durch allfälligen Widerstand einiger hochentwickelten und immer noch denkenden statt rechnenden Menschenbatterien passiert. Dank den Rechnern und der ihnen dienende oligarchische Menschenbatterientruppe, altmodisch globale Elite genannt, werden sofort alle Orte, die die Rechnerrohstoffe liefern, gesichert.

Die Menschenbatterien in China, Afrika, Indien, dem arabischen Raum sind seit Jahrzehnten auf Hungersnöte, Bürgerkriege, Diktaturen, Selbstvernichtung sowie Selbstzensur programmiert. Jede Intervention der europäischen Menschenbatterien wird als elektronische Divergenz energietot gemacht. Die Rechner haben sich die perfekte Herrschaft errechnet. Kollateralschäden betreffen ausschliesslich die immer wieder ersetzbaren Batterienmenschen. Das religiöse Rechnungsprogramm gehört zudem zum präzisesten mathematischen Modell, das es je für Batterienmenschen gab.

Soweit mein Traum. Doch seitdem ich aufgewacht bin, nagt in mir ein Gefühl, das mir sagt, ich träume immer noch. Ich schalte meinen persönlichen Rechner ein. Und bin immer noch in der Matrix.

Was leuchtet mir entgegen? Die Hinrichtung eines kleinen oppositionellen Gegenrechners in unserem globalen Computersystem. Mehr Zeitgeschichte geht nicht. Da veröffentlicht Wikileaks mit dem Hinweis auf Meinungsfreiheit öffentliche Daten von öffentlichen Leistungs- und Verantwortungsträgern. Man beachte das Wort öffentlich. Wikileaks erzählt nichts über die privaten Vorlieben einzelner Menschen. Im Gegenteil. Wikileaks ist dafür, private Daten zu verschlüsseln, damit sie von staatlicher Willkür geschützt sind. Wikileaks plädiert aber unbedingt für eine Transparenz öffentlicher Dokumente, Handlungen und Taten.

Hallo? Nannten wir dies nicht die Strukturbedingungen für Demokratie, die sogenannte Volksherrschaft?

Wer meint, Julian Assange sei gefährlich und die Publikation der Dokumente schädlich, hat wenig von Macht und Diktatur begriffen. Was publiziert Wikileaks? Öffentliche Dokumente von öffentlichen Stellen. Geheime Dokumente von öffentlichen Stellen. Wikileaks publiziert nicht geheime Protokolle von Herrn und Frau Meier. Wikileaks publiziert Dokumente, die von Ihnen und mir via Steuergelder finanziert werden. Wir haben ein Recht zu wissen, was in diesen Dokumenten steht. Genauso wie jeder öffentlich-rechtliche Angestellte die Pflicht hat, sich zu überlegen, was er oder sie in Dokumente schreibt. Also. Falls Wikileaks irgendwelche Sexprotokolle irgendwelcher perverser Oligarchen publizieren würde, würde ich mich sofort auf die Seite der Oligarchen stellen. Denn privat dürfen die Kerle alles tun, was innerhalb des noch existierenden Rechtsstaates erlaubt ist. Wenn indessen die Aktionen der Oligarchen öffentliche Belange betrifft, dann gehören die endlich ans Licht. Vielleicht wählen dann die Truthähne nicht ständig Weihnachten....

Wikileaks schafft Öffentlichkeit. Keine spektakuläre, aber reale Öffentlichkeit. Viel realer als das, was uns von vielen Journalisten als Wahrheit verkauft wird. Wikileaks wird nun global, mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln verfolgt. Zuerst in seinem Aushängeschild Julian Assange, dann als Institution. Erschreckt frage ich mich: Wie kann ausgerechnet Präsident Obama (ersetze wahlweise Präsidenten von Postfinance, Amazon, Paypal, Mastercard, Australien, Schweden und wer auch immer noch hinter Assange und Wikileaks her sind, als ob sie Massenmörder jagen würden...) immer noch in den Spiegel schauen und nicht vor Scham im Boden versinken? Je länger, je mehr erinnern mich diese Figuren an Chamberlain... während der heutige Churchill eventuell Wikileaks oder gar Julian Assange heisst.(von Regula Stämpfli/news.ch)


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