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Bergier wehrt sich gegen Ausschaffungen

Samstag, 11. Juni 2005 / 14:28 Uhr

Bern - Der Historiker Jean-François Bergier lehnt die Zwangsausschaffung von 523 abgewiesenen Asylsuchenden in der Waadt ab.

Jean-François Bergier spricht Klartext.

In einem Rechtsstaat dürfe auf Menschen, die sich nichts hätten zu Schulden kommen lassen, kein physischer Zwang ausgeübt werden. Bergier sieht in der Zwangsausschaffung Analogien zum 2. Weltkrieg, wie er in einem Interwiew mit den Westschweizer Zeitungen 24 Heures und Tribune de Genève sagte. Zu beiden Zeiten habe es auf der einen Seite Gesetzestexte und auf der anderen einzelne Menschen gegeben.

Während des Krieges seien die Gesetzestexte mit wenigen Ausnahmen blind angewendet worden, hielt der Waadtländer Historiker fest. Es sei ein Irrtum gewesen, Juden und Zigeuner nicht als Flüchtlinge anzuerkennen. Diese Menschen seien vom Tod bedroht gewesen.

Humanitäre Tradition der Schweiz

Heute wiederhole man diesen Fehler: Man wende Paragrafen an ohne die Situation der Betroffenen zu untersuchen. Ähnlichkeiten sieht Bergier auch beim ideologischen Umfeld: Wie heute habe es auch während des Zweiten Weltkrieges eine Angst vor Ausländern und vor Menschen gegeben, die anders seien.

Seit dem 16. Jahrhundert hätten die Schweizer Städte immer wieder grosse Flüchtlingswellen erlebt. Immer gab es abweisende Reaktionen oder selektive Aufnahmen, hielt Bergier fest. Seiner Meinung nach existiert die humanitäre Tradition der Schweiz zwar noch.

Die Behörden parktizierten aber einen selektiven Humanismus, sagte Bergier. Um die humanitäre Tradition sowie demokratische und förderalistische Werte zu bewahren, empfiehlt er einen systematischeren Geschichtsunterricht. Jungen Menschen müsse das Bewusstsein für die Kontinuität der Geschichte vermittelt werden.

(rp/sda)


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