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Das sprachlose Zeitalter

Montag, 2. März 2009 / 12:11 Uhr
aktualisiert: 12:50 Uhr

Archäologen haben einen mühsamen Job, wenn es darum geht, den Alltag in längst vergangenen Zeiten zu rekonstruieren. Die Artefakte, die gefunden werde ...

Archäologen haben einen mühsamen Job, wenn es darum geht, den Alltag in längst vergangenen Zeiten zu rekonstruieren. Die Artefakte, die gefunden werden, sind meist unvollständig, die Sprachen, in denen die Dokumente verfasst wurden, längst tot und können, wenn überhaupt, nur noch durch Experten übersetzt werden.

Kommt noch dazu, dass in früheren Zeiten der Grossteil der Bevölkerung weder lesen noch schreiben konnte und fast nur Überlieferungen aus der Schicht der Herrscher vorhanden sind, die kaum Informationen aus dem Lebensalltag der breiten Bevölkerung enthalten. Die heute bekannte Geschichte der meisten antiken Kulturvölker ist von der religiösen und politischen Elite geschrieben worden.

Erst mit der Einführung des Buchdrucks änderten sich die Dinge grundlegend. In einer auch noch im Nachhinein unglaublich scheinenden Wechselwirkung begann eine Alphabetisierung und Verbreitung des Schrifttums in immer breitere Schichten der Bevölkerung während gleichzeitig immer mehr Schriftstücke erstellt und verbreitet wurden.

Ohne diese Informationsrevolution, die den Würgegriff der Königshäuser und Kirchen über die Verbreitung von Ideen sprengte, wären weder die Aufklärung, die moderne Wissenschaft noch die Demokratisierung der Gesellschaft möglich gewesen. Natürlich gab und gibt es auch Schattenseiten: die Propaganda für radikale Ideologien wie Nationalsozialismus und Kommunismus wurde anfangs des letzten Jahrhunderts auch nur dank diesem ersten Massenmedium möglich.

Entsprechend gut bestückt sind auch die Archive für jene Zeit. Die meisten Ereignisse können fast lückenlos rekonstruiert werden und dank der Fotografie existieren auch unmittelbare Abbilder eines ganzen Jahrhunderts. Doch da das industriell gefertigte Papier wegen seines Säuregehaltes zerfällt, ist die Erforschung jener Epoche zu einem Wettlauf gegen die Zeit geworden. Eine wahre Demokratisierung der Kommunikation hatte aber auch damals noch nicht stattgefunden. Diese wurde erst jetzt verwirklicht.

Seit einigen Jahren wird dank der Mobiltelefonie und des Internets geblogt, gepostet und getwittert was das Zeug hält. Noch nie wurden so viele Bilder geschossen und veröffentlicht, so viele Stories auf Foren gepostet und so viel Kommentare zum Zeitgeschehen in Blogs abgegeben. Wer will, kann sich den ganzen Tag lang zutexten lassen. Doch ausgerechnet unsere Zeit scheint zu jener zu werden, die seit Langem am schlechtesten dokumentiert sein wird.

Viele Dokumente, die auf alten Datenträgern in Archiven lagern, können nicht mehr gelesen werden – zum Teil einfach, weil keine Lesegeräte mehr für diese existieren. Und wenn man doch noch ein 8-Zoll Laufwerk finden sollte – wo könnte man dieses anschliessen? Mitunter finden sich zwar noch 5,25″ und 3,5″-Laufwerke, aber auch diese verschwinden immer mehr im Elektromüll. Und die Disketten selbst zerbröseln nach 15 Jahren.

Die optischen Medien – von der CD angefangen – sind auch keinesfalls so langlebig, wie man dies gerne glauben würde. Nach einem oder zwei Jahrzehnten dürfte so gut wie nichts mehr auf selbstgebrannten Disks vorhanden sein, während industriell gepresste Datenträger immerhin ein gutes Jahrhundert überstehen sollten.

Aber noch viel flüchtiger sind die Inhalte, welche im Moment die Welt vernetzen und unsere Zeit prägen: Ob IM's, Twitter oder sogar E-Mails, oft braucht es nur einen Knopfdruck, um riesige Datenmengen ins jenseits zu befördern. Und wenn wirklich etwas auf einer Disk abgesichert sein sollte – wird man dies dereinst auslesen können? Vermutlich nicht.

Würde jetzt eine Naturkatastrophe unsere Zivilisation treffen und die Menschheit massiv dezimieren, wäre es wahrscheinlich, dass Archäologen, die unser Alltagsleben in einigen Jahrhunderten untersuchen würden, kaum mehr etwas fänden, was auf unseren echten Alltag schliessen lassen wird. Dieser wird eines Tages unbekannter und undurchdringlicher sein, als der eines alt-römischen Handwerkers für uns nun ist, und unsere Epoche wird vielleicht trotz der momentan extremen Lautstärke als ein sprachloses Zeitalter gelten.

Doch – wenn man den Inhalt der meisten Tweets, Blogs und Messages betrachtet – ist das vielleicht auch gut so... (von Patrik Etschmayer/news.ch)


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