WM 2002
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Der Viertelfinal-Schocker England - Brasilien

Donnerstag, 20. Juni 2002 / 13:59 Uhr
aktualisiert: 15:00 Uhr

Am Freitag um 8.30 dürften in Brasilien und England die Uhren still stehen. Der Viertelfinal-Schocker zieht die Menschen rund um den Erdball in seinen Bann. England gegen Brasilien, das ist so etwas wie der vorweggenommene WM-Final.

England gegen Brasilien ist ein vorweggenommener Final. Die Abwehr der Briten stellt zusammen mit Deutschland die bisher stärkste Defensive (1 Verlustreffer in 4 Spielen), Brasilien hat schon 13-mal getroffen und bietet offensiven Fussballzauber. Wessen Reihen setzen sich durch? Die Ausgangslage erscheint offen, doch selbst die Wettbüros in England favorisieren leicht Brasilien.

Bilanz spricht gegen England

Der vierfache Weltmeister Brasilien hat schon zum 14. Mal bei allen 17 Teilnahmen die Viertelfinals erreicht. England, der Weltmeister von 1966, schaffte zum 8. Mal bei 11 Teilnahmen den Vorstoss unter die letzten acht. Noch nie vermochten die Briten in bisher drei WM-Duellen die Südamerikaner zu besiegen. Dem Remis 1958 im Gruppenspiel in Schweden (0:0) stehen Niederlagen 1962 im Viertelfinal 1962 in Chile (1:3) und 1970 im unvergesslichen Gruppenspiel in Guadelajara (Mex) gegenüber, als Jairzinho auf Zuspiel von Pelé das einzige Tor des Spiels zum 1:0 markierte.
Auch die Gesamtbilanz sieht für England negativ aus. Aus 20 Spielen resultierten nur drei Siege und neun Remis, zuletzt trennte man sich am 27. Mai 2000 in London 1:1.

Bangen um Owen

Seither hat sich aber vor allem bei den Briten vieles verändert. Seit der Schwede Sven Göran Eriksson vor 18 Monaten als erster Ausländer die englische Nationalmannschaft übernahm, hat das Fussball-Mutterland seinen Stil gewandelt. Der zunächst heftig kritisierte Eriksson hat das Team nicht nur umgebaut und verjüngt, sondern lässt es kontrollierten und cleveren Fussball spielen. Die Geduld des ruhigen Taktikers hat sich auf seine Akteure übertragen. Die Ausgewogenheit im Team und die stabile Abwehr mit den beiden Zentralverteidigern Rio Ferdinand und Sol Campbell, die Kreativität von David Beckham sowie die ideale Sturmergänzung zwischen dem bulligen Emile Heskey und antrittsschnellen Dribbler Michael Owen gehören zu Englands Stärken.

Doch um den Einsatz von Owen bangt ganz England. Der nur 172 grosse Starstürmer von Liverpool verletzte sich in der ersten Halbzeit des Achtelfinals gegen Dänemark (3:0) an der Leiste und musste mit dem Training aussetzen. Englands Teamärzte unternehmen alles, um den torgefählichsten Stürmer fit zu kriegen. Letztlich wird Owen selbst befinden, ob ein Einsatz Sinn macht. Robbie Fowler von Leeds, der unter Eriksson schon vier Tore in elf Spielen geschossen hat, hiesse die wahrscheinlichste Alternative.

Brasilien (zu) selbstsicher

Noch wurde Brasilien an dieser WM nicht ernsthaft geprüft. Belgien deckte aber im Achtelfinal (0:2) Unsicherheiten in der Abwehr auf. Wird sie erneut zur Achillesferse der selbstsicheren Brasilianer? «Wir haben eine erstklassige Abwehr und vertrauen ihr 100-prozentig», wischt Rivaldo allfällige Bedenken weg, die erstmals wegen der zwei Gegentore gegen Costa Rica (5:2) aufkamen. Mit seinen vier Toren zählt der Barcelona-Star zusammen mit Inters Ronaldo und dessen fünf Treffern zur Offensivpower der Seleçao von Luiz Felipe Scolari.

«Wir wollen den fünften Titel», sagt Ronaldo, weist aber darauf hin, dass England ein sehr, sehr schwieriger und unangehnehmer Gegner sei. «Die Engländer haben uns gegen Belgien beobachtet. Wir spielten nicht gut, aber effizient.» Und Trainer Scolari fügte Tugenden an, die sonst als typisch deutsch gelten: «Meine Spieler rennen nach jedem Ball, kämpfen um jeden Ball und helfen sich gegenseitig. Ich bin froh darüber. Im Fussball kann man nicht immer nur zaubern. Manchmal ist es ebenso wichtig, Tore zu verhindern als blind anzugreifen.»
(sda)