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Dolchstosslegende des 21. Jahrhunderts

Freitag, 4. März 2011 / 14:00 Uhr

Der Abgang des KTG war eine Medieninszenierung vom Feinsten. Drama, Zerknirschtheit aber vor allem eines: Verbitterung darüber, dass sich die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf ihn, der immer Aufmerksamkeit heischte konzentrierte und er sich so nicht mehr selbst auf sein Amt konzentrieren könne.

Sie sehnt sich schon nach seinem Comeback: Angela Merkel und KTG

Auf die Fälschungen und den Diebstahl geistigen Eigentums in seiner Dissertation ging er nur nebenher ein, bezeichnete diese wieder als Fehler, also als etwas, dass aus Versehen, ohne Absicht passiert ist. Dann: Abgang die Treppen rauf, Türe zu.

Kurz zusammen gefasst: Guttenberg hat geklaut, getäuscht, die Sache fast bis zum Ende miserabel gemanagt und erst als es völlig klar war, dass die Sache nicht ausgesessen werden könnte, vor allem weil er von einer Online-Gemeinde von Plagiatsprüfern erlegt wurde, die eine Arbeit von Monaten (Schätzung der Uni am Anfang) in einer Woche gemacht hatten, trat er zurück.

Doch dieser «schmerzlichste Moment» seines Lebens war gleichzeitig der Moment, an dem Guttenberg wieder in die Offensive ging. Denn Guttenberg hatte scheinbar realisiert, dass ihm das Leben zwar Zitronen gegeben hatte (wobei er den Baum selbst gepflanzt hatte), es aber noch nicht zu spät war, Limonade daraus zu machen.

Erst jetzt hat KTG nämlich die Chance, Politheld zu werden. Jede Heldengeschichte braucht einen tiefen Fall, bevor der Wiederaufstieg beginnt. Mit seinem melodramatischen Rücktritt versuchte Guttenberg genau das, die Selbststilisierung als Opfer.

Die Guttenberg drohenden Prozesse wegen Urheberrechtsverletzungen, dem Bruch der eidesstattlichen Versicherung, dass seine Dissertation von ihm stammt und anderer damit im Zusammenhang stehenden Vergehen könnten ihm sogar als Beweis dafür dienen, dass das Establishment (zu dem er ja nicht gehören will), es auf ihn abgesehen hat. Als ideales Beispiel für diese Taktik ist ja Silvio Berlusconi bekannt, der jede Anschuldigung als Beweis einer Verschwörung umzudeuten wusste und zumindest bis vor kurzem gut mit dieser Taktik gefahren ist.

Gleichzeitig wurde eine Propagandaoffensive gestartet, zum einen in Guttenbergs Fanzeitung «Bild» zum anderen auf Facebook. Auf diesem dominierenden Internet-Medium hat die «Wir wollen Guttenberg zurück»-Gruppe bereits 550'000 Fans. Allerdings stehen diese Zahlen unter dem Verdacht, genau so getürkt zu sein wie die Dissertation, welche die Lawine ins Rollen gebracht hat. Begann doch diese Gruppe aus dem Stand mit 250'000 Fans und wuchs seither praktisch linear, mit stündlich konstanten Zuwachsraten an.

Zudem finden sich viele Profile darunter, die keine Freunde haben, aber pro Stunde bis zu 30 Pro-Guttenberg-Meldungen posten. Zudem ist rätselhaft, wer hinter der Gruppe steht. Für Social-Media-Experten Alarmzeichen, dass da was gemauschelt wird. Diese Internet-Sympathiewelle könnte durchaus auf einer Manipulation basieren, mit der für Guttenberg geworben wird und die ein grosses Medienecho provoziert, mit dem Ziel, den Eindruck eines 'Ministers der Herzen' zu vermitteln. Das Internet, dass ihn gestürzt hat, soll nun also seinen Nimbus retten.

Und weshalb? Die CSU hat nicht vor, auf Herrn von und zu Guttenberg zu verzichten, so viel machte der Parteivorsitzende Seehofer schon klar. Ebenso wenig wie das «Opfer» die CSU verlassen oder sich aus der Politik zurück ziehen will. Am Comeback wird gebastelt und in unserer schnelllebigen Zeit könnte KTG bereits in zwei Jahren wie der Phönix aus der Asche wieder auferstehen, geläutert und geprüft.

Als erstes wird er versuchen, sich wieder in den Bundestag wählen zu lassen, mit einem Rekordergebnis, dass sogar sein letztes übertrifft. Erst mal dort, wird er sein Comeback machen, ganz ohne Doktortitel aber mit dem Nimbus, dass er es auch so schaffen kann, er, der durch das Stahlgewitter einer Meuchelkampagne gestürzt worden ist. Und zwar er, ganz allein, nur mit einem Parteiapparat, einflussreichen Freunden, die an sein Comeback glauben (darunter Angela Merkel) und einem Millionenvermögen im Rücken. Guttenberg, ein wahrer Phönix aus der Asche, die Dolchstoss-Legende des 21. Jahrhunderts.(Patrik Etschmayer/news.ch)


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