WM 2002
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Für Köbi Kuhn verläuft die WM nicht überraschend

Donnerstag, 20. Juni 2002 / 16:46 Uhr
aktualisiert: 18:02 Uhr

Zürich - Nationalcoach Köbi Kuhn ist nicht überrascht über die Leistungen der "Aussenseiter" USA, Südkorea oder Senegal. Überrascht seien nur die Europäer, weil sie glaubten noch immer Mittelpunkt des Weltfussballs zu sein

«Doch wenn man den Vorstoss der so genannten Exoten näher betrachtet, gibt es genügend Erklärungen dafür. Den nachhaltigsten Eindruck der vermeintlich 'Kleinen' hinterliess Südkorea. Den Erfolg verdankt der Gastgeber der Kombination heimischer Tugenden wie Disziplin, Leistungsbereitschaft und Leidenschaft zusammen mit dem holländischen Element, das Trainer Guus Hiddink eingebracht hat. Hiddink hat es verstanden, alte Hierarchien in der Nationalmannschaft zu brechen, und er gab den Spielern die Freiheit zur Kreativität. Das ist der Schlüssel zum Erfolg. Rennen und Kämpfen bis zum Umfallen konnten die Asiaten schon immer, doch unter Hiddink sind sie spielerisch besser geworden.

Nicht zu vergessen ist natürlich auch der Vorteil, den die Südkoreaner dank der ungestörten WM-Vorbereitung haben. Während mehrerer Monate hatte Hiddink die Equipe um sich. Die Spieler waren befreit vom Druck einer schweren Meisterschaft und traten deshalb im Gegensatz zu einigen europäischen Akteuren mit vollen Batterien an. So können sie auch ihren stärksten taktischen Trumpf problemlos ausspielen.

Beeindruckend und fast unglaublich ist nämlich das Pressing, das die Koreaner aufziehen. Der ballführende Gegenspieler wird permanent von zwei Akteuren angegriffen. Dies sieht man sonst allenfalls noch in der englischen Premier League. Deshalb können nur Mannschaften gegen Südkorea bestehen, welche die Fähigkeit haben, den Ball schnell und direkt zu spielen. Ein solches Team ist Spanien. Entsprechend sehe ich die Südkoreaner in ihrer nächsten Begegnung gegen die Iberer im Nachteil.

Dass sich die USA für die Viertelfinals qualifiziert haben, ist keine Sensation, aber vor allem das Zusammentreffen glückhafter Umstände. Wirklich gut haben die Amerikaner nur in der ersten Partie beim 3:2 gegen Portugal gespielt. Danach haben sie gegen Südkorea beim Unentschieden Glück gehabt und bei der Niederlage gegen die bereits ausgeschiedenen Polen sogar richtig schlecht ausgesehen. Aber: Sie haben sich den Platz in den Viertelfinals mit dem Sieg gegen Mexiko verdient. Allerdings war dieses 2:0 kein überraschendes Resultat. Die beiden Teams treffen oft aufeinander, kennen sich gut und die USA sind dabei selten einmal unterlegen.

Im Gegensatz zu den Südkoreanern habe ich bei den Amerikanern keine ausgeprägten Stärken erkannt. Die Mannschaft von Trainer Bruce Arena agierte bisher einfach sehr solide. Ich glaube allerdings nicht, dass dies zu einem Sieg gegen Deutschland reicht. Die USA haben mit der Viertelfinal-Qualifikation ihren Zenit erreicht.

Am meisten freue ich mich über die guten Resultate von Senegal. Diese Ergebnisse machen mir auch als Schweizer Nationalcoach Mut. Spieler wie Bouba Diop, Camara und Thiaw haben vor kurzem noch in der Nationalliga gespielt, nun glänzen sie auf der Bühne der WM. Das zeigt doch, dass auch wir Schweizer mithalten könnten. Allerdings steht Senegal nun ein harter Brocken gegenüber. Die Türkei hat mich bisher beeindruckt. Schon nach der Niederlage gegen Brasilien im ersten Spiel habe ich gedacht, dass die Türken weit kommen können.

Trotzdem denke ich, ein Halbfinal Brasilien - Senegal wäre interessant. Da werden mir zwar die Engländer und die Türken widersprechen, aber ich lasse mich auch etwas vom Herzen leiten. Im anderen Halbfinal sehe ich Deutschland und Spanien. Aber eben: Meistens stimmen die Prognosen ja nicht, und weitere Überraschungen sind nicht ausgeschlossen.»
(eh/sda)