RELIGION
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Indonesiens Konflikt zwischen Christen und Muslimen

Freitag, 22. September 2006 / 20:25 Uhr

Jakarta/Singapur - Selbst der Papst konnte Fabianus Tibo, Marianus Riwu und Domingus da Silva nicht retten. Vor dem Morgengrauen wurden sie im Polizeihauptquartier von Palu, der Hauptstadt Zentral-Sulawesis, vor das Erschiessungskommando geführt.

Unruhen, Brandschatzungen und Plünderungen aufgebrachter Christen folgten.

Die nachfolgenden Unruhen, Brandschatzungen und Plünderungen aufgebrachter Christen mögen Beleg sein, dass die Lunte noch immer glimmt am religiösen Pulverfass in Indonesien. Und das zu einer Zeit, in der das Verhältnis zwischen Christen und Muslimen durch die umstrittenen Äusserungen von Benedikt XVI. wieder einmal belastet sind.

Massaker in Schule

Die drei Männer waren für ein grausames Massaker vom Mai 2000 zum Tode verurteilt worden. Mindestens 70 Menschen kamen dabei um, die im Bezirk Poso Zuflucht in einer islamischen Schule gesucht hatten. Sie beteuerten bis zuletzt ihre Unschuld.

Das Gemetzel mit Schusswaffen und Macheten war eines der blutigsten Ereignisse des Konflikts, der zwischen 1998 und 2002 mehr als 1000 Menschen beider Religionen auf Sulawesi das Leben kostete. Auf den benachbarten Molukken starben um die Jahrtausendwende herum innerhalb von drei Jahren sogar 6000 Menschen durch religiös motivierte Gewalt.

Umsiedlungspolitik

Sowohl auf den Molukken wie auch auf Sulawesi lebten, zumindest oberflächlich, Christen und Muslime lange relativ friedlich nebeneinander. Durch die Umsiedlungspolitik Präsident Suhartos waren über Jahrzehnte jedoch immer mehr Muslime auf die Inseln geströmt.

Christen fürchteten in der Folge um ihre von den niederländischen Kolonialherren ererbten Pfründe. Suhartos Herrschaft der eisernen Faust unterdrückte die schwelenden Spannungen. Kein Zufall, dass sie sich brutal entluden, als der Machthaber 1998 stürzte.

Es brauchte nur geringe Anlässe zur Explosion: Auf Sulawesi war es ein Streit betrunkener Christen mit Muslimen, auf den Molukken reichte es, dass ein Christ einen muslimischen Jungen mit seinem Wagen anfuhr.

Vereinzelte Übergriffe

Erst von der Regierung vermittelte Friedensabkommen zwischen den Religionsgemeinschaften - auf Sulawesi 2001, auf den früheren «Gewürzinseln» ein Jahr später - beendete das massenhafte Sterben. Doch ein Abschied von der Gewalt bedeuteten sie nicht.

Immer wieder kommt es zu vereinzelten Übergriffen: So töteten im Oktober 2003 maskierte Männer auf Sulawesi 13 Christen. Ende Oktober vorigen Jahren wurden die Leichen dreier christlicher Schülerinnen in Poso gefunden. Doch zum Erstaunen vieler kam es danach nicht zu Vergeltungsaktionen und einer neuen Spirale der Gewalt.

(Von Frank Brandmaier, dpa/sda)


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