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Mandela-Trauerfeier: Dolmetscher leidet angeblich an Schizophrenie

Donnerstag, 12. Dezember 2013 / 10:32 Uhr
aktualisiert: 16:39 Uhr

Johannesburg - Der Gebärdensprachdolmetscher, der bei der Trauerfeier für Nelson Mandela für Verwirrung sorgte, hat seinen bizarren Auftritt mit einem schizophrenen Anfall erklärt. Thamsanqa Jantjie sagte am Donnerstag, er habe plötzlich Stimmen gehört.


Gegenüber der Zeitung «The Star» erklärte der Mann, er habe plötzlich die Konzentration verloren, angefangen zu halluzinieren und Stimmen gehört. Jantjie hatte bei der Trauerfeier für Mandela im Stadion von Soweto unter anderem die Rede von US-Präsident Barack Obama in Gebärdensprache übersetzen sollte. Doch er benutzte dabei immer dieselben vier oder fünf Zeichen.

Gehörlose hatten ihn anschliessend als Betrüger bezeichnet und ihm vorgeworfen, nur «mit den Armen gewedelt» zu haben. «Es gab nichts, was ich tun konnte, ich war allein in einer sehr gefährlichen Situation», sagte Jantjie in dem Interview. «Ich habe versucht, mich unter Kontrolle zu bekommen und der Welt nicht zu zeigen, was vor sich ging, es tut mir sehr leid, aber das war die Situation.»

Er sollte nach eigenen Angaben rund 70 Franken für den Arbeitstag erhalten. Nach Informationen des Fernsehsenders eNCA bekam er jedoch kein Geld.

Auf die Frage, warum er nicht einfach die Bühne verliess, sagte Jantjie, er habe sich angesichts der historischen Bedeutung des Ereignisses nicht getraut. Zugleich bat er um Verständnis: «Wer diese Krankheit nicht kennt, wird denken, dass ich das alles nur erfinde», sagte Jantjie, der nach eigenen Angaben Medikamente gegen Schizophrenie einnimmt.

Langjährige Erfahrung

Er arbeite schon lange als Dolmetscher, sagte Jantjie in einem anderen Interview. «Das war nicht die erste Veranstaltung.» Er habe auch schon bei der Trauerfeier für die Frau des Antiapartheidskämpfers Walter Sisulu im Jahr 2011 gedolmetscht. «Erst jetzt wird mir vorgeworfen, dass ich schlechte Arbeit mache», sagte Jantjie.

Die Regierung räumte ein, dass den Organisatoren der Trauerfeier möglicherweise ein «Fehler» unterlaufen sei. Jantjie sei «kein professioneller Gebärdensprachdolmetscher», sagte die Vizeministerin für Menschen mit Behinderungen, Hendrietta Bogopane-Zulu. Er sei aber auch nicht einfach «von der Strasse geholt» worden.

Er könne sich in der Sprache verständigen und habe auch schon bei Gerichtsprozessen übersetzt. Sie deutete an, dass Jantjie möglicherweise schlecht Englisch spreche oder müde gewesen sei.

In Luft aufgelöst

Bei der Firma, für die Jantjie arbeitet, konnte sich die Regierung jedenfalls nicht erkundigen. «Sie haben sich einfach in Luft aufgelöst», sagte Bogopane-Zulu.

Das Südafrikanische Übersetzer-Institut erklärte zwar, dass Jantjie ein anerkannter Dolmetscher ist. Es habe aber schon in der Vergangenheit Beschwerden über ihn gegeben, sagte der Institutsvorsitzende Johan Blaauw. Klagen gab es etwa nach seinen Auftritten bei Parteitagen des regierenden Afrikanischen Nationalkongresses.

Der Wirbel um Jantjie sorgte auch für Diskussionen über die Sicherheitsvorkehrungen bei der Trauerfeier, bei der der Dolmetscher direkt neben Obama und UNO-Generalsekretär Ban Ki Moon gestanden hatte. Das Weisse Haus erklärte, für Sicherheitsfragen sei die südafrikanische Regierung zuständig. Es wäre aber «schade», wenn die Debatte über den Dolmetscher «von der Wichtigkeit des Ereignisses» und dem Erbe Mandelas ablenken würde, sagte Präsidentensprecher Josh Earnest in Washington.

Vor dem Haus des Dolmetschers sammelten sich am Donnerstag Journalisten. Er sorge sich um seine Familie und wolle sich deswegen nicht im Spital behandeln lasse.
(bert/sda)


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