Die einen fordern vor allem einen menschenwürdigeren Umgang mit den Durchreisenden, bei anderen Marokkanern hingegen wächst der Fremdenhass.
«Marokko kann nicht für ganz Europa den Polizisten spielen», erregt sich Abdelhamid Amine, Präsident der marokkanischen Menschenrechtsorganisation (AMDH).
Fast täglich nehmen marokkanische Sicherheitskräfte Dutzende Schwarzafrikaner und Marokkaner fest, die versuchen, mit kaum seetüchtigen Schiffen nach Spanien überzusetzen oder über die Stacheldrahtzäune der spanischen Exklaven Ceuta oder Melilla zu klettern und so auf dem Landweg europäisches Territorium zu erreichen.
Erst am Dienstag wurden wieder 136 Afrikaner nahe Melilla gefasst, am Mittwoch schafften es 65 Flüchtlinge bis auf europäisches Gebiet.
Hicham Rachidi von der Vereinigung der Freunde und Angehörigen von Opfern der illegalen Einwanderung (AFVIC) kritisiert die einseitige Sichtweise auf das Flüchtlingsproblem: «Das sind Menschen und keine Zahlen», betont Rachidi.
Frage nach den Ursachen
Stattdessen müsse nach den Ursachen für die Massenflucht aus den Ländern südlich der Sahara gefragt werden. Zudem müsse den Flüchtlingen in Marokko geholfen werden.
Auch Menschenrechtler Amine kritisiert den Umgang der marokkanischen Behörden mit den Flüchtlingen. Rabat müssen ihnen erlauben, sich frei im Land zu bewegen, und dürfe sie nicht in Wäldern umzingeln oder in Lager stecken.
Auf spanischer Seite klingt es ähnlich. Erst im Frühjahr hatte Madrid rund 700 000 illegalen Einwanderern die Staatsbürgerschaft zuerkannt, unter ihnen 85 900 Marokkaner.
Wachsende Fremdenfeindlichkeit
Viele Flüchtlinge aus Schwarzafrika bleiben auf ihrem Weg nach Norden in Marokko hängen. Für sie wird das Transitland zum Aufnahmeland. Sie verdienen ihr Geld mit einfachen Tätigkeiten oder müssen betteln gehen.
In den Arbeitervierteln der Grossstädte wächst angesichts der vielen Zuwanderer die Fremdenfeindlichkeit. Mitte September hetzte ein Wochenblatt im nordmarokkanischen Tanger gegen eine «schwarze Heuschreckenplage». Auch viele andere Zeitungen machen laut Rachidi aus ihrer fremdenfeindlichen Haltung keinen Hehl.
Spanien lobt unterdessen die Zusammenarbeit mit Rabat. So ging die Zahl der illegalen Einwanderer, die über die kanarischen Inseln nach Europa gelangen wollten, im vergangenen Jahr nach Angaben des Einwanderungsministeriums um 51 Prozent zurück.
EU-Hilfe erforderlich
Im ersten Halbjahr 2005 wurden mehr als 200 Schlepperbanden zerschlagen und 1500 Menschen festgenommen. Doch die Zahl der Flüchtlinge übersteigt laut Einwanderungsministerin Consuelo Rumi die Kapazitäten von Marokko und Spanien. Hilfe der Europäischen Union sei deshalb erforderlich.
Das marokkanische Innenministerium forderte im Juli spanische und europäische Hilfe an, da das Königreich noch andere Prioritäten habe als den Kampf gegen die illegale Einwanderung. Doch der erste Schritt der spanischen Regierung - eine Erhöhung des Zaunes um die Exklaven Ceuta und Melilla - hatte nach Einschätzung von Experten eher den gegenteiligen Effekt.
Aus Angst, dass ihnen der Landweg nach Europa für immer versperrt wird, setzen jetzt viele Afrikaner noch entschlossener ihr Leben aufs Spiel und stürmen den bis zu sechs Meter hohen Stacheldrahtzaun.