HINTERGRUND
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Neue Rechtschreibung: Den «Gemsen» gehts ans Fell

Samstag, 1. August 2009 / 16:02 Uhr
aktualisiert: 14. August 2009 / 10:12 Uhr

Ab heute werden die Regeln der amtlichen Rechtschreibreform aus dem Jahr 1996 mit dem Regelwerk von 2006 auch für Schweizer Schülerinnen und Schüler notenwirksam. Was sich ändert und warum, erfahren Sie in unserer Zusammenfassung der 8 wichtigsten Regeln.

Ab heute werden auch in der Schweiz die amtlichen Regeln der deutschen Rechtschreibung notenwirksam - noch immer streiten sich Gegner und Befürworter.

Heute endet die sogenannte Korrekturtoleranz an Schweizer Schulen, bei der die alten Varianten nur am Rand markiert, aber nicht als falsch benotet werden durften. Ein Schiff kann ohne drittes F nicht mehr zur orthografisch korrekten Fahrt auslaufen; der Tag beginnt heute Morgen immer gross und wenn man nicht mehr weiter weiss, lässt einem der Duden oft noch eine Alternative.

Um diese Alternativen geht es auch beim Streit um die Rechtschreibreform. Auf der einen Seite fechten da die Gegner, angeführt von der Schweizerischen Orthographischen Konferenz (SOK), bestehend aus Sprachwissenschaftlern Verlegern und Autoren. Auf der anderen Seite stehen da die kantonalen Erziehungsdirektoren (EDK), die keinen Handlungsbedarf sehen. Irgendwo dazwischen picken sich die Verlage das für sie Beste heraus.

Schwachstellen der Reform

Die SOK begründet ihre Wortfechterei mit einigen Schwachstellen und möchte damit am liebsten gleich das ganze Reformwerk umstossen. Der Duden mache nämlich keinen Unterschied, ob ein Dichter «wohlbekannt» (sehr) oder nur «wohl bekannt» (vermutlich) ist. Das stimmt nur zum Teil, denn beim genauen Hinschauen verweist der Duden bei der Zusammenschreibung auf die adjektivisch gebrauchte Variante, was im Falle von «wohl bekannt» nicht zuträfe.

Besonders bei der Gross- und Kleinschreibung scheiden sich die Geister und lassen die Logik an ihre Grenzen stossen. Warum «im übrigen» jetzt im Übrigen heisst, vor allem aber weiterhin kleingeschrieben bleibt, in anderen Fällen aber beide Schreibweisen (der andere/der Andere) erlaubt sein sollen, ist mit Logik in der Tat nicht mehr zu erklären. Dafür hat der Duden die gelb hervorgehobenen Vorzugsvarianten eingeführt.

Der reinste Gelehrtenstreit?

Dass aber die neue Rechtschreibung von der Sprachgemeinschaft nicht akzeptiert werde, wie es Manfred Papst in der «NZZ am Sonntag» vom 12. Juli behauptet, ist so nicht haltbar. Denn Probleme scheint es mit den schon nicht mehr neuen Regeln jedenfalls in den Schulen keine zu geben, wie das Berner EDK-Vorstandsmitglied Bernhard Pulver im «Tages-Anzeiger» vom 27. Juni verlauten liess.

Ist die hitzige Diskussion um die Änderungen also lediglich ein Streit von Studier- zu Studierstube? Das Chaos, welches einige in den Regeln zu erkennen glauben ist auch ein Stück Freiheit, sich seiner Sprache wieder zu bemächtigen.

Auch wenn die Reform durch ihre Vielzahl an Varianten für manche Verwirrung stiftet, wäre es nicht mehr zeitgemäss, Sprache in starre, unveränderliche Formen pressen zu wollen. Pluralistische Gesellschaftsformen bedienen sich eben auch mehrerer Möglichkeiten der Selbsterhaltung. In diesem Sinne darf auch die SOK weiter so schreiben, wie sie das für richtig hält.

Die 8 wichtigsten Regeln:

1. Buchstaben fallen bei Wortzusammensetzungen nicht mehr weg
Bsp.: Kaffeeernte (aber auch: Kaffee-Ernte), Rohheit usw.

2. Orientierung am Wortstamm
Bsp.: Stängel (statt Stengel), Gämse (statt Gemse), schnäuzen (statt schneuzen), nummerieren (statt numerieren)

3. Fakultative Anpassung weniger Fremdwörter
Bsp.: Mikrofon (statt Mikrophon), Orthografie (statt Orthographie)

4. Getrenntschreibung
a) Verb+Verb
Bsp.: lieben lernen, spazieren gehen, aber: mit kennen und lernen auch Zusammenschreibung möglich

b) Substantiv+Verb
Bsp.: Acht geben, Rad fahren, aber bei verblassten Substantiven: preisgeben, eislaufen

c) Partizip+Verb
Bsp.: verloren gegangen, aber auch: verlorengegangen

5. Zusammenschreibungen
Bsp.: zwingend nur bei irgendetwas, zurzeit, umso, genauso

6. Kleinschreibung
Bsp.: in Briefen: du, ihre, dein, euer

7. Grossschreibung
a) Tageszeiten
Bsp.: gestern, heute, morgen Abend, Morgen usw.

b) bei Substantiven
Bsp.: in Bezug auf, Schuld haben (aber: schuld sein)

c) Substantivierungen nach Artikel
Bsp.: der Einzelne, das Gleiche, fürs Erste usw.

8.: Kommasetzung:
a) Komma darf wegbleiben in Satzreihen vor «und» bzw. «oder»
Bsp.: Er studiert noch und sie ist arbeitslos.

b) Komma darf wegbleiben bei Infinitiv- und Partizipgruppen
Bsp.: Ich hoffe dir eine Freude zu bereiten. Zu Hause angekommen legte er sich hin.

c) Komma zwingend bei Infinitiv- und Partizipgruppen mit Hinweiswörtern und wenn diese von einem Substantiv abhängen
Bsp.: Ein Auto zu kaufen, das ist schwer. Ich liebe es, Sport zu treiben. Er gab uns den Rat, erst einmal in Ruhe zu überlegen.

d) Komma zwingend bei Infinitiv mit «um zu», «statt zu» u.a.
Bsp.: Wir müssen das Taxi nehmen, um zu der Bank zu gelangen.

(Tino Richter/news.ch)


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