DSCHUNGELBUCH
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Öffentlich-schrecklich

Mittwoch, 30. Mai 2012 / 10:02 Uhr

Pfingstmontag. Nach durchzechten Rockfestival-Tagen in Norddeutschland machte ich es mir mit mehreren Flaschen Fendant, Schweizer Schokolade, deutschen Freunden und einer grossen Portion Vorfreude vor dem TV bequem.

Schweizer Tatort: Bild null, Inhalt minus null, aber Thema hundert Punkte.

Angesagt war: Tatort in meinem geliebten Luzern! Endlich, dachte ich mir, werden wir nicht nur als Heidiland oder als weltgrösstes Versteck für Schwarzgeld wahrgenommen, sondern auch als Land, in dem das Kapitalverbrechen neben all den wunderschönen Bergblumen blüht. Also ist die Schweiz wieder im erlauchten Kreis der deutschsprachigen Krimigemeinde angekommen.

Hilfeee! Die schnoddrigen Kommentare meiner Filmfreunde und -macher liessen keine fünf Minuten auf sich warten. Neben: «Gott, ist das schöön, aber bitte Klappe halten», musste ich dem «biedere Bildästhetik», dem «Dialoge aus dem Vor-Fernsehzeitalter», «Cutter nach der Pensionierung umgeschult», «gibt es in der Schweiz eigentlich keine Schauspielschule?» leider zustimmen. Meine Begeisterung wich der bitteren Erkenntnis, dass meine begabten Slampoet-Schweizer Freunde und Freundinnen nie einen Job beim Fernsehen kriegen würden. SF kann soviel Genial-TV in Dokumentationen, Kulturplatz oder Rundschau... aber was ist nur in Luzern passiert?

Da die deutschen Klugscheisser-Kommentare, obwohl so wahr wie bitter, doch mein helvetisches Herz erschütterten, suchte ich nach einem Gegenschlag. Und siehe da: Ich fand ihn sofort. Der Schweizer Tatort war zwar punkto Dialoge, Kostüme, Schnitttechnik und Musik wie ein Dieter Bohlen bei John Stewart, doch brachte er immerhin das wichtige Thema der Intersexualität zur Sprache. Also Bild null, Inhalt minus null, aber Thema hundert Punkte.

Verglichen mit dem Abendprogramm von ARD und ZDF von Montag bis Freitag 2015.-21.45 Uhr, war dies aber ein intellektueller Heimatfilm mit greenaway'schem Charme. Denn was uns die deutschen öffentlich-schrecklichen Programme regelmässig als Biedermann-Rosamundepilcher-Porno präsentieren, geht nicht mal auf eine Kuhhaut. Da spielen die hervorragensten Schauspieler einen Schrott, der sogar Stringtangas für Vierjährige kompetent erscheinen lässt.

Frau mittleren Alters verliebt sich in Mann mittleren Alters, beide haben süsse Kinder, die sich ineinander verlieben, möglichst interkulturell, da der Mann sicher Kroate, Deutscher türkischer Herkunft oder Italiener ist. Es gibt Turbulenzen, die Frau mittleren Alters ist sich nicht sicher, ob sie wirklich so lieben darf, die Tochter überlegt sich, vielleicht doch statt Baby ihre Karriere weiterzuführen, doch alles endet in Minne, dass einem das rosa Kotzen kommt.

So geht das Woche für Woche mit unsäglichem Herzschmerz, dem Konsalik`s bissiger Ton, Simmel`s leckere Rezepte und Daphne Du Maurier`s Kaltblütigkeit leider vollkommen abgehen. Furchtbar ist eine sanftmütige Umschreibung für das, was dem vermeintlichen Zielpublikum reiferer, frustrierter Frauen und sich in ihr Schicksal ergebender Ehemännern von wahrscheinlichen ebenso frustrierten Frauen ab 50 serviert wird. Echt. Was ist eigentlich mit den ehemaligen Punkladies, die jetzt die Redaktionsstuben und Intendantinnenposten bevölkern, passiert, dass sie uns schmierigere Komödien vorsetzen als selbst unsere Grossmütter ertragen hätten?

Ich bin fassungslos und halte mich an Rebell-TV, der grössten und schon gestorbenen Innovation des Medienzeitalters und stelle fest: «Das Fernsehen ist Realität. Wir sind eigentlich Fiktion.» (Regula Stämpfli/news.ch)