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Religion im säkularen Pelz

Donnerstag, 6. Februar 2014 / 09:53 Uhr
aktualisiert: 13:03 Uhr

Religiöse Argumente haben in der öffentlichen Debatte keine Wirkung mehr. Ob in der Abtreibungsfrage, bei der Kirchensteuer oder bei der Beschneidung: Überall versuchen deshalb die organisierten Religionen überholte Praktiken und Privilegien mit nichtreligiösen Begründungen zu erhalten - der beste Beweis für den Niedergang dieser Institutionen.

Asylunterkunft: Wo sich kirchliche Seelsorger im «Care Team» zu religiösen Neutren verwandeln.

Besonders beliebt ist der Griff in die Argumentenkiste der Ökonomie: Da dienen sich Kirchen den Firmen als «Standortfaktoren» an oder als Reproduktionsstätte für jene Schäden, welche die kapitalistischen Produktionsstätten bei ihren ArbeitnehmerInnen verursachen. Da werden verzweifelt neue Zielgruppen definiert und Kundenprofile erstellt, um die Schäfchen, die - als Kind mit staatlicher Lizenz zwangsgetauft - scharenweise austreten, doch noch in die Kirche zurückzuholen. Und auch bei der aktuellen Abtreibungsfinanzierungs-Initiative wird mit «liberaler» Selbstverantwortung argumentiert und eine Senkung der Prämienlast vorgegaukelt - unlauterer Wettbewerb nennt man so etwas übrigens in der Wirtschaft!

Ebenso gerne werden medizinische Argumente vorgeschoben, wenn es darum geht, die eigenen religiöse Vorstellungen der ganzen Gesellschaft aufzudrängen. Da werden fleissig Zahlen präsentiert, etwa dass Katholiken etwa weniger oft Suizid begingen, dass Religiöse weniger oft Drogen konsumierten und im Krankheitsfall durch Beten schneller genesen würden etc. pp. In der Debatte um die Knabenbeschneidung wird die WHO zitiert, welche die Beschneidung (natürlich nicht die von Mädchen!) zur Verhütung gegen sexuell übertragbare Krankheiten und namentlich als eines der wirksamsten Mittel gegen HIV-Übertragung empfehle, und die Gynäkologie, die den Gebärmutterhalskrebs bei Partnerinnen von beschnittenen Männern seltener feststelle.

Schliesslich bedient man sich auch gerne bei Mythen und irrelevanten geschichtlichen Bezügen zu aberhunderte Jahre alten Traditionen: «Bewährt» habe sich im Kanton Bern etwa die enge Verbindung von Staat und Kirche - ungeachtet der Tatsache, dass Bern einfach der letzte Kanton der Schweiz ist, der die Pfarrpersonen noch aus allgemeinen Steuern besoldet. Rundherum wurden solche Strukturen ersetzt.

Wo Staat und Kirche schon etwas entflochtener sind, sind es dann die «sozialen Dienstleistungen an der Gesellschaft», welche den Erhalt des Systems und die Staatsbeiträge an die «Landeskirchen» rechtfertigen sollen.

Alles an den «Landeskirchen» ist offenbar für die Gesellschaft nützlich oder gar unverzichtbar - nur ihr Kerngeschäft - Glaube und Religion - braucht eigentlich niemand mehr. Dafür wird mehr «Wissenschaft» gefordert, sprich Theologie an den Universitäten, neuerdings auch für Muslime, eifrig unterstützt von den «Landeskirchen», die sich davon eine Stärkung des Systems «Landeskirche» erhoffen. Diese durch den Staat fürstlich alimentieren «Landeskirchen» stiften jenem im Gegenzug auch schon mal einen Lehrstuhl für «Spiritual Care», um ihre Spital«seel»sorge in neuen Schläuchen zu verkaufen.

Jürgen Habermas hat dieser Entwicklung kräftig Schub verliehen indem er über die Partizipation der Religiösen in der Demokratie mit dem späteren Papst Ratzinger geredet und geschrieben hat: «In einem säkularen Staat müssen sie freilich auch akzeptieren, dass der politisch relevante Gehalt ihrer Beiträge in einen allgemein zugänglichen, von Glaubensautoritäten unabhängigen Diskurs übersetzt werden muss, bevor er in die Agenden staatlicher Entscheidungsorgane Eingang finden kann.» (nzz.ch 6. August 2012)

Die Umsetzung von Habermas' Empfehlung kommt in der Praxis reichlich platt daher. Statt übersetzt wird gebogen und gelogen. Da behaupten die Abtreibungsgegner einfach dreist, sie würden die Straffreiheit der Abtreibung nicht in Frage stellen, obwohl die gleichen Kreise weitere Initiativen vorbereiten, die genau das wollen.

Von konfessionellen Privilegien profitierende «Seelsorger» mutieren in Spitälern, Gefängnissen und Heimen in der Armee sowie in «Care teams» zu religiösen Neutren und der Religionsunterricht an den Volksschulen wird mit dem Mantel «Kultur» verhüllt und flugs zur unverzichtbaren Basis der Kulturgeschichte des Abendlandes erklärt.

Die organisierte Religion präsentiert sich - abgesehen vom harten Kern der rund 10 Prozent Hochreligiösen, die mit ihren Abwahldrohungen die ältere Garde der PolitikerInnen noch im Schach halten - im säkularen Pelz. Der beste Beweis für den endgültigen Niedergang religiöser Institutionen.

(Reta Caspar/news.ch)


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