MUSIK
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Teil 8: Pumuckl

Donnerstag, 17. Dezember 2015 / 16:30 Uhr

Was, wenn Pumuckl älter wird? In die Pubertät kommt? Bei Meister Eder bleibt und als einziger Kobold in dessen Haus keine passende Partnerin findet? Einsamkeit? Sexuelle Frustration?


Manchmal ist es einfach. Dann hat man plötzlich etwas im Kopf, was man gut findet. Zum Beispiel einen Refrain-Text, eine Melodie oder den Anfang eines Liedes. Bei Monday war das so, über den ich im dritten Teil unter dem Titel «Die romantische Vergewaltigung» geschrieben habe. Das war auf der MV Ilala so, dem einzigen regelmässig auf dem Lake Malawi verkehrenden Schiff. Chrigi und ich waren die einzigen Gäste während des ersten Tages und der ersten Nacht. Wir schliefen an Deck im Schlafsack auf den Holzbrettern. Am Morgen erwachte ich bei Sonnenaufgang, lehnte mich an die Reling und hatte urplötzlich Text und Melodie vom Anfang der ersten Strophe im Ohr, die ich dann mit sehr schlaftrunkener Stimme in mein Handy sang. Eine sehr schöne Aufnahme, begleitet vom Fahrtwind.

Beim Pumuckl war es ähnlich. Da hatte ich auch plötzlich den Anfang der ersten Strophe im Ohr. Nicht an Deck der MV Ilala sondern in der Dusche des Kabale Backpackers. Obschon wer das Lied hört und diese Ausführungen gelesen hat, denken wird, ich hätte bei dieser Gelegenheit in besagter Dusche masturbiert, muss ich das Gegenteil beschwören. Natürlich könnte die Duschumgebung die mirakulöse Textfindung beeinflusst haben. Die Dusche war immerhin, da will ich nichts tabuisieren und totschweigen, das einzige Refugium im Kabale Backpackers, wo plagende sexuelle Energien freigesetzt werden konnten. Sonst teilte man sich ein Zimmer, und man ist ja kein Schwein. Und gerade dieses Eingeschränktheit der Triebbefriedigungsmöglichkeiten könnte ebenfalls in den Text eingeflossen sein.

Eigentlich handelt es sich beim Pumuckl aber um eine fantastische Coming-of-Age-Geschichte, bei der vielleicht auch ein bisschen die eigene Konfrontation mit der Aufforderung, man möge doch endlich erwachsen werden und die kindischen Flausen ablegen, behandelt wird. Auch das wäre wieder eher im Unterbewusstsein angesiedelt, wie die zuvor beschriebenen Umstände.

Fakten sind aber: Ich liebe es, mir absurde Geschichten auszudenken, und diese dann möglichst plastisch und detailliert zu erzählen. Und die Backgroundchörli der Band sind exquisite Leckerbissen. Besonders das «foto-realistisch» in der zweiten Strophe. Ich glaube, es hat weder je noch wird es je wieder eine Band geben, die ein Fotorealistisch-Backgroundchörli singt.

Faktum ist auch: Als ich aus der Dusche zurück ins Zimmer kam und Chrigi begeistert den Anfang des Liedes vortrug, befand er diesen als einen ziemlichen Schmarren. Letztes Faktum: Heute findet auch Chrigi dieses Lied grandios und ist damit auf jener Stufe der Entwicklung angelangt, die ich bereits vor zweidreiviertel Jahren erreicht habe. Gratulation!

* Der Autor und Musiker Frédéric Zwicker hat mit seiner Band Knuts Koffer ein verrücktes viertes Album aufgenommen. Bevor die Doppel-Vinyl mit dem Titel «ii» am 20. November erscheint, erzählt er hier etwas über die neuen Lieder. Und: Filmemacher Lars Badertscher hat die Titel in Kurzfilmen umgesetzt.
(Frédéric Zwicker*/news.ch)


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