WM 2002
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WM-Schiedrichter bekommen ihr Fett ab

Mittwoch, 19. Juni 2002 / 16:29 Uhr

Seoul - Die WM-Schiedsrichter sind derzeit nicht zu beneiden. Nicht nur in Italien werden die Männer in Schwarz zerrissen. Auch andere Länder beklagen sich über Benachteiligung, und seit Beginn der Achtelfinals nimmt die Kritik an der Arbeit der Unparteiischen stark zu.

Die Beispiele sind zahlreich: Türkische Proteste im Spiel gegen Brasilien, mexikanische Verärgerung beim 0:2 gegen die USA am letzten Montag sowie belgisches Wehklagen am gleichen Tag gegen Brasilien. Dazu das Lamentieren der Italiener nach fast jeder Partie...

Die Leistungen der Schiedsrichter werden seit den Achtelfinals mit globaler Empörung quittiert. Doch die FIFA nimmt ihre Referees in Schutz. «Die Schiedsrichter machen genauso Fehler wie die Spieler und die Trainer», kommentierte Keith Cooper, Sprecher des Weltverbandes, die Leistungen der Arbiter und betonte, dass die Ungenauigkeiten auf ein Minimum gesunken seien.

Diese Ansicht stützt auch Werner Müller, Chef der Schweizer Schiedsrichter: «Pro Partie werden 250 Entscheide gefällt. Wenn zwei Prozent falsch sind, bedeutet dies, dass fünf Pfiffe nicht korrekt waren. Das ist für die Zuschauer und die Spieler zwar viel, aber 98 Prozent richtige Entscheide sind ein überaus gutes Resultat. Eine solche Quote erreicht man in anderen Berufsbranchen nicht.»

Ärgerlich und für die Schiedsrichter undankbar ist die Tatsache, dass nur über die Fehlleistungen gesprochen wird, die gelungenen Darbietungen in der Regel aber unerwähnt bleiben. Heftig diskutiert werden die teilweise lamentablen Pfiffe auch deshalb, weil bei einer WM in kurzer Zeit sehr viele Partien zu sehen sind. «Jetzt haben wir in 19 Tagen 56 Spiele erlebt. So viele Begegnungen finden in der Schweiz beispielsweise während der gesamten Finalrunde statt. Im kurzen Zeitraum einer WM wirken sich die Fehler eben nachhaltiger aus», erklärte Müller.

Allerdings räumte der 50-jährige Aargauer ein, dass es schon einige grobe Fehler gegeben habe. Wenn beispielsweise eine Spielfeldmarkierung dem Schiedsrichter und seinen Assistenten eine visuelle Hilfe ist, dürften gemäss Müller Offside-Fehlentscheide wie in der Partie Italien - Kroatien nicht vorkommen. «Dagegen ist es mitten im Feld schwer, zu beurteilen, ob Stürmer und Verteidiger auf gleicher Höhe sind oder nicht.»

Allgemein stellt Müller den Referees in Asien ein gutes Zeugnis aus. «Vorteilhaft ist auch die Zusammenarbeit zwischen den Schiedsrichtern und ihren Assistenten. Die FIFA verlangt von den Assistenten, mutige Entscheide zu treffen. Jetzt signalisieren sie den Schiedsrichtern häufiger Regelwidrigkeiten als früher.»

Erfreut war Müller über der Darbietung von Urs Meier bei der Partie Südkorea - USA (1:1), die nicht überall positiv bewertet wurde. «Einige kritisierten den Freistosspfiff vor dem Ausgleich der Südkoreaner. In den Sendungen nach der Partie sah ich aber, dass sich die Experten auf den diversen Kanälen in dieser Aktion uneinig waren.»

Dass es sogar nach mehreren Stunden und nach zahlreichen Video- Konsultationen noch Divergenzen in den Ansichten gibt, zeigt auf, wie schwierig es für den Schiedsrichter ist, «der ohne Standbild innert einer Sekunde einen Entscheid fällen muss.» Meier habe die Partie hervorragend geleitet.

Um die Schiedsrichter zu schützen, nahm etwa FIFA- Generalsekretär Michel Zen-Ruffinen, selbst ehemaliger Nationalliga- Referee, Erfahrungwerte zu Hilfe: «Von zehn Entscheiden eines Schiedsrichters ist statistisch gesehen immer einer falsch.» Aus Sicht der Italiener stimmt diese Statistik allerdings überhaupt nicht. Und auch Türken, Belgier oder Mexikaner werden wohl in den Wochen der WM-Endrunde wenig von statistischen Werten halten.
(eh/sda)