FRENCH OPEN
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Wie erwartet: Zwei Argentinier im Roland-Garros-Final

Freitag, 4. Juni 2004 / 20:49 Uhr

Nach dem russischen Frauen-Final kommt es auch im zweiten Einzelfinal am French Open in Paris zu einem Landesvergleich. Die Argentinier Guillermo Coria und Gaston Gaudio qualifizierten sich gegen Tim Henman und David Nalbandian für den Final.

Kann Gaston Gaudio gegen den Sandplatzkönig Coria bestehen?

Beide Halbfinals verliefen bemerkenswert: Im ersten besiegte Gaston Gaudio den favorisierten David Nalbandian 6:3, 7:6 (7:5), 6:0. Und im zweiten Halbfinal nahm Guillermo Coria einen etwas gar langen Anlauf. Der englische Angriffsspieler Tim Henman führte 6:3, 4:2, ehe Coria die Partie kippen und in vier Sätzen 3:6, 6:4, 6:0, 7:5 gewinnen konnte.

Anderthalb Stunden lang drohte Coria ein ähnliches Halbfinal- Debakel wie vor einem Jahr. Damals verlor er als haushoher Favorit gegen den Weltranglisten-46. Martin Verkerk 6:7, 4:6, 6:7 und wäre nach einem Frust-Racketwurf vor die Brust eines Ballmädchens (nach dem Verlust des ersten Satzes) beinahe disqualifiziert worden. Diesmal wurde Coria wiederum gestresst; denn Halbfinalgegner Henman spielte anderthalb Sätze lang wie ein Herrgott. Er hätte im zweiten Satz sogar deutlicher führen können. Plötzlich war die henman´sche Herrlichkeit aber vorbei. Coria schaffte vom 3:6, 2:4 bis zum 3:6, 6:4, 6:0, 3:0 sechs Breaks und 13 Spielgewinne hintereinander.

"Ich war innerlich zweifellos viel ruhiger als vor einem Jahr", so Coria. Auch Henman schrieb die Wende vor allem der Steigerung Corias zu: "Guillermo (Coria) begann besser zu spielen und ich bekam jene Probleme, die man hat, wenn man gegen einen Gegner spielt, der einem so wenig schenkt. Ich war nicht mehr in der Lage zu attackieren, und wenn ich gegen Coria an der Grundlinie spiele, dann kann es nur einen Sieger geben..."

Nur gegen Federer verloren

Zum bemerkenswerten Spiel gehörte indes auch, dass Tim Henman nie aufgab, nach dem 0:3 im vierten Satz wieder ins Spiel zurück fand, sogar noch 5:3 in Führung ging, aber dennoch keinen fünften Satz erzwingen konnte. Coria verwertete nach 2:47 Stunden seinen zweiten Matchball.

Der Sandplatz-König steht in Roland-Garros nun kurz vor der Krönung. Seit der Halbfinal-Niederlage gegen Verkerk hat Coria auf "terre battue" fast nur noch gewonnen: letzte Saison Stuttgart, Kitzbühel und Sopot; diese Saison Buenos Aires und Monte Carlo. Nur in Hamburg liess er sich von Roger Federer auf Sand besiegen, "aber dort war ich nicht hundertprozentig fit und nicht annähernd so stark wie am French Open". Von den letzten 38 Einzeln auf Sand hat Coria 37 gewonnen.

Für den Final gegen Gaudio gilt Coria als haushoher Favorit -- weil er gegen Landsleute praktisch nie verliert (23:2 Siege gegen Argentinier). Die letzten 18 Partien gegen Argentinier hat er alle gewonnen. Zumindest ist Gaston Gaudio der eine Gaucho, der Coria schon geschlagen hat: 6:3, 7:6 vor drei Jahren in Buenos Aires.

Nalbandians Chance

Gaston Gaudio spielt in Paris aber das "Turnier meines Lebens". Zwei Jahre ist es her, seit der 25-Jährige vergleichbar stark spielte. Damals feierte er innert Wochenfrist in Barcelona und Palma de Mallorca seine einzigen Turniersiege und besiegte Gustavo Kuerten, Carlos Moya, Lleyton Hewitt und Albert Costa. Nach dem gestrigen Halbfinalsieg über David Nalbandian konnte er die Tränen nicht mehr zurückhalten. Gaudio: "Ich hätte nie erwartet, dass ich im French-Open-Final stehen würde. Nach dem Matchball habe ich kurz all die Anstrengungen in meiner Jugend und die Kindheitsträume Revue passieren lassen. Deshalb war ich ein wenig emotional."

Ein weiteres Mal kurz vor dem Ziel an einem Grand-Slam-Turnier gescheitert ist Nalbandian. Dem machten gegen Gaudio Rippenprobleme zu schaffen. Als er den zweiten Satz nach einer 5:1-Führung und zwei vergebenen Satzbällen mit 5:7 im Tiebreak verlor, war sein Widerstand gebrochen. Auch der Schweizer Referee Andy Egli bekam von Nalbandian Fett ab; denn der Luzerner hatte im Tiebreak Gaudio beim Stand von 5:2 von der rechten statt der linken Seite servieren lassen. Spieler und Referee bemerkten den Irrtum zu spät, der Punkt wurde gewertet, Gaudio besass vier Satzbälle und den vierten nutzte er.

Bacsinszky gescheitert

Juniorin Timea Bacsinszky ist wie schon im Januar am Australian Open auch in Roland-Garros in den Halbfinals gescheitert. Sie unterlag der ungesetzten Rumänin Madalina Gojnea in 2:10 Stunden 6:7 (11:13), 6:0, 2:6. Die Waadtländerin musste eine Woche vor ihrem 15. Geburtstag dem Kräfteverschleiss der vorangegangenen Tage Tribut zollen. Gegen Gojnea war Bacsinszky nach dem gewonnenen zweiten Satz am Ende ihrer Kräfte. Ärgerlich war so der Verlust des ersten Satzes nach drei vergebenen Satzbällen.

Das Schweizer Talent wird auch nach dem 15. Geburtstag überwiegend Juniorenanlässe bestreiten. "Ich lasse mir Zeit, überstürze nichts. Bevor ich regelmässig bei den Aktiven antrete, möchte ich bei den Juniorinnen so gut wie möglich spielen."

Bacsinszky bestritt letztes Jahr in Kloten die Qualifikation, bezwang dort Denisa Chladkova (damals WTA 43) und nahm im Mai in Strassburg in der 1. Runde des Hauptturniers Akiko Morigami (WTA 62) einen Satz ab. Im nächsten Jahr darf sie bis zum 16. Geburtstag acht WTA-Turniere (aber maximal drei dank Wildcards) plus den Fedcup bestreiten. Trainiert wird Bacsinszky nicht mehr von Vater Igor, sondern seit einem halben Jahr von Verbandstrainer Zoltan Kuharszky.

Resultate:

Paris. French Open. Grand-Slam-Turnier (13,263 Mio. Euro/Sand). Männer-Einzel, Halbfinals:

Guillermo Coria (Arg/3) s. Tim Henman (Gb/9) 3:6, 6:4, 6:0, 7:5. Gaston Gaudio (Arg) s. David Nalbandian (Arg/8) 6:3, 7:6 (7:5), 6:0. -- Final (Sonntag/15.00 Uhr): Gaudio - Coria (3). Frauen-Einzel, Final (Samstag/15.00 Uhr): Myskina (6) - Dementjewa (9).

Männer-Doppel, zweiter Halbfinal: Mickael Llodra/Fabrice Santoro (Fr/6) s. Bob Bryan/Mike Bryan (USA/1) 7:5, 3:6, 6:3. -- Final am Samstag.

Frauen-Doppel, Halbfinals: Virginia Ruano Pascual/Paola Suarez (Sp/Arg/1) s. Sandrine Testud/Roberta Vinci (Fr/It) 6:0, 6:1. -- Final am Sonntag.

Juniorenturniere. Juniorinnen-Einzel, Halbfinal: Madalina Gojnea (Rum) s. Timea Bacsinszky (Sz/5) 7:6 (13:11), 0:6, 6:2. Sesil Karatancheva (Bul/1) s. Katerina Bondarenko (Ukr/8) 7:6 (7:4), 6:1. -- Junioren-Einzel, Halbfinals: Gael Monfils (Fr/1) s. Kamil Capkovic (Slk/12) 6:2, 6:2. Alex Kuznetsov (USA/14) s. Brendan Evans (USA/7) 3:6, 6:4, 6:0. -- Juniorinnen-Doppel, Viertelfinal: Viktoria Azarenka/Wolha Hawarzowa (WRuss/4) s. Bacszinszky/Shahar Peer (Sz/Isr/5) 6:2, 6:2.

Senioren-Doppel, Final: Victor Pecci/Raul Ramirez (Par/Mex) s. Mansour Bahrami/Gene Mayer (Iran/USA) 4:6, 7:5, 7:6 (7:3).

(Rolf Bichsel, Paris/Si)