HINTERGRUND
Anzeige
Irritationen rund um die humanitäre Hilfe

Montag, 3. Januar 2005 / 08:44 Uhr
aktualisiert: 09:21 Uhr

New York - Von einer neuen Mini-Krise im Verhältnis zu den Vereinten Nationen will US-Aussenminister Colin Powell nichts wissen. "Das ist nicht die Zeit für Plänkeleien", sagte er zur Diskussion über die Führungsrolle bei der internationalen Hilfe.

Kein anderes Land als die USA hat Militärtechnik für eine Katastrophe dieses Ausmasses.

Jetzt sei der Moment da, gemeinsam jenen Menschen zu helfen, die in verzweifelter Not seien, erklärte Powell weiter. Eine Woche nach dem Seebeben reist der Aussenminister durch die Krisenregion. Dort hat nach Angaben der US-Marine deren grösste Hilfsaktion seit 50 Jahren begonnen - mit bis zu 12 000 Armeeangehörigen.

Die US-Regierung liess wenig Zweifel daran, dass die Vereinten Nationen zwar das Zepter in der Hand behalten, aber die USA über ihren Einsatz weitgehend selbst entscheiden. 350 Millionen Dollar (fast 400 Mio. Franken) Soforthilfe hat die US-Regierung bislang zur Verfügung gestellt.

Indonesien hat Vorrang - wegen Öl?

Diese staatlichen Hilfsgelder gehen nach den Worten von Powell "in einigen Fällen" an UNO-Hilfsorganisationen und ansonsten an nicht-staatliche Hilfsorganisationen (NGO) sowie private Organisationen vor Ort. Der Aussenminister macht auch keinen Hehl daraus, wer Vorrang bei der US-Hilfe geniesst.

Die indonesische Provinz Aceh am Nordzipfel der Insel Sumatra sei am härtestes getroffen worden. "Dort wird die Priorität liegen", sagt er. Mit rund 238 Millionen Einwohnern ist Indonesien das bevölkerungsreichste muslimische Land, und unter Aceh lagern gewaltige Erdgas- und Erdölvorkommen.

"Die Bush-Administration betrachtet Indonesien als bedeutsamen Verbündeten im Kampf gegen den internationalen Terrorismus. Die Katastrophe bietet den USA die Chance, bedeutsame Hilfe zu leisten und die humanitären Fähigkeiten des US-Militärs in dem Land zu unterstreichen", schreibt die Tageszeitung "Washington Post".

UNO braucht die US-Helikopter

Die Berichte über Aceh, dessen Küste dem Epizentrum des Seebebens am nächsten lag, zeichnen ein Bild des Grauens. Nach UNO-Angaben sind in der Provinz viele Landebahnen und ein grosser Teil der Strassen weggespült worden.

Insbesondere in Aceh, aber auch anderswo gebe es Engpässe bei der Verteilung der Hilfsgüter, sagt UNO-Generalsekretär Kofi Annan. Was dagegen die Spenden angehe, laufe alles bestens. Mehr als zwei Milliarden Dollar waren es laut Annan bis zum Wochenende.

Führung der Hilfe liegt bei UNO

Die Führung der globalen Hilfe liege bei den Vereinten Nationen, sagt UNO-Nothilfekoordinator Jan Egeland. Aber die UNO-Helfer sind auf logistische Unterstützung der USA unter anderem mit Helikoptern und Transportflugzeugen angewiesen.

Kein anderes Land habe Militärtechnik für eine Katastrophe dieses Ausmasses, schreibt das Nachrichtenmagazin "Newsweek". Vom neuen Koordinierungsbüro in Bangkok aus wollen die UNO nach den Worten Egelands dann mit der EU und der von Washington gebildeten Gruppe von Kernländern zusammenarbeiten.

Diese von US-Präsident George W. Bush ins Leben gerufene "Kerngruppe", zu der neben den USA noch Australien, Japan und Indien gehören, hatte Irritationen ausgelöst. Diese Gruppe sei aus der Notwendigkeit einer schnellen Koordinierung gebildet worden, wiegelt Powell ab.

(Hans Dahne/dpa)


Artikel-Empfehlungen:

Panik nach Erdbeben in Aceh31.Mai 09:28 Uhr
Birma bleibt schwarzer Fleck auf Landkarte5.Jan 08:45 Uhr
Colin Powell in Aceh5.Jan 07:49 Uhr
USA und Thailand kooperieren bei Tsunami-Warnsystem4.Jan 11:52 Uhr
Sandra Bullock spendet eine Million Dollar4.Jan 07:11 Uhr
Schweizer Opferbilanz verschlimmert sich3.Jan 17:25 Uhr
Glückskette sammelt 35 Mio. Franken3.Jan 11:47 Uhr
Angehörigen Todesnachricht per E-Mail geschickt3.Jan 09:06 Uhr
EDA geht von 111 Schweizer Todesopfern aus2.Jan 18:12 Uhr
Calmy-Rey von Thailand beeindruckt2.Jan 16:53 Uhr