HINTERGRUND
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Nach der Trauer kommt die Ungewissheit

Sonntag, 22. Januar 2006 / 09:25 Uhr

Pristina - Nach dem Tod von Ibrahim Rugova ist die Zukunft des Kosovo ungewisser denn je. Das Ableben des Präsidenten fällt in eine politisch sensible Zeit: Am Mittwoch sollten in Wien die Verhandlungen über den zukünftigen Status der Provinz beginnen.

Ibrahim Rugova galt als eine der Symbolfiguren des gewaltfreien Kampfes der Kosovaren um die Unabhängigkeit ihres Landes.

Als unbestrittener Führer der Kosovo-Albaner hätte Rugova die schwierigen Verhandlungen leiten sollen, ihm trauten seine Landsleute zu, ihre Heimat endlich von Serbien zu lösen und in die Unabhängigkeit zu führen. Der Krebstod des Intellektuellen, den viele als Vater der Nation sahen, hinterlässt eine tiefe Lücke.

«Rugova ist eine Ikone», resümiert der Abgeordnete Sabri Hamiti, der Rugovas Demokratischer Liga des Kosovo (DLK) angehört. «Er hat die Idee der Unabhängigkeit in die Köpfe der Menschen gebracht, kein anderer wird seinen Einfluss haben.» Veton Surrai, Chef der Partei Ora (Stunde), urteilt: «Wir sind in einer Krise. In den kommenden Monaten werden wir eine schwierige politische Situation haben.»

Komplexes Spiel - Vaterfigur fehlt

Kosovo befindet sich in einer verstrickten Lage. Serbien lehnt es ab, die Provinz verloren zu geben. Die meisten Kosovo-Albaner - diese stellen 90 Prozent der Einwohner - wollen sich mit nichts weniger als der Unabhängigkeit zufriedengeben. Die Protektoratsmächte NATO und UNO indes sind nicht begeistert von der Vorstellung, auf dem Balkan einen weiteren armen, instabilen Kleinstaat zu etablieren. Viele Kosovo-Albaner sahen in Rugova den einzigen, der in diesem komplexen Spiel widerstrebender Kräfte einen Kompromiss finden konnte.

Rugovas Erkrankung hat die Vorbereitung für die Konferenz erschwert. Seit 40 Tagen ist die Kosovo-Delegation nicht mehr zusammengetreten. Sein Tod wirft Fragen auf.

Politikwissenschaftler Milazim Krasniqi analysiert: «Rugovas Absenz wird ein Vakuum schaffen, insbesondere in psychologischer Hinsicht, weil ein grosser Teil des Wählervertrauens ihm persönlich galt.» Krasniqi vermutet, dass die Todesnachricht die Wiener Verhandlungen «nicht erheblich» beeinträchtigen werde.

Machtkampf um die Nachfolge?

Andere Beobachter sind skeptischer. Sie sehen keinen ebenbürtigen Nachfolger und fürchten einen Machtkampf. Mehrere Politiker machen sich Hoffnung auf die Nachfolge.

Gute Chancen werden Parlamentspräsident Nexhat Daci eingeräumt, der Mitglied der DLK ist. Daci ist nicht unumstritten: Er gilt als autoritärer Charakter, viele sehen ihn als negatives Gegenbeispiel zu dem feinsinnigen Rugova.

Auch der 37-jährige Oppositionsführer Hashim Thaci träumt vom Präsidentenamt. Er vertritt die Radikaleren unter den Kosovo-Albanern. 1998 trat er als Chef der Rebellengruppe UCK auf die politische Bühne. In Serbien wurde er in Abwesenheit zu 23 Jahren Haft wegen Terrorismus verurteilt.

Surroi ermahnt Landsleute

Auf dem aufsteigenden Ast sieht sich auch der 43 Jahre alte Medienunternehmer Surroi mit seiner Partei Ora. Surroi versucht, sich als Realist zu profilieren: Seine Landsleute forderte er auf, nicht nur von der Unabhängigkeit zu träumen, sondern auch die marode Wirtschaft wiederaufzubauen.

Vierter Anwärter auf die Nachfolge ist Ministerpräsident Bajram Kosumi, der seit vergangenem Frühjahr an der Regierungsspitze steht und mit seinen 45 Jahren ebenfalls zu den Nachwuchshoffnungen gezählt wird.

(Ismet Hajdari/afp)


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